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Svaðilfari 2011 - oder der Versuch, im Tölt einen Film zu wechseln.

by Brigitte Kieckbusch - Sep 05, 2011

Svaðilfari 2011 -  oder der Versuch, im Tölt einen Film zu wechseln.
Svaðilfari 2011 -
oder der Versuch, im Tölt einen Film zu wechseln.

Ich weiß, ich bin ein Exot mit meiner Analogkamera, und als Þórðurs Islandpferdeherde in den ebbeflachen Fjord Kaldalón prescht, ist natürlich gerade der Film vollgeknipst. An einen Filmwechsel ist überhaupt nicht zu denken. Dies ist kein gemütlicher Sonntagsausritt, obwohl das Wetter ganz und gar sonntäglich ist. Die Sonne steht strahlend am wolkenlosen Himmel. Kaum zu glauben, dass wir uns in den Westfjorden Islands befinden. Wir, das sind unser Gastgeber Þórður, Sveinn, Ólöf, Gustaf und Guðrún aus Island und Antje und ich aus Deutschland. Unsere Nasen umwehen zwanzig bunte Mähnen, aufgeteilt auf vier Pack-, sieben Reit- und neun Ersatzpferde. Dass diese Svaðilfari-Tour nichts für blutige Reitanfänger ist, lässt sich schon nach den ersten Kilometern erahnen. Im flotten Tölt, für mich im Trab, da ich Islandpferdanfänger bin und die Hilfen noch nicht beherrsche, geht es über Stock und Stein, oder vielmehr über loses Geröll, tiefe Wiesen, durch Bäche, bergauf, bergab und nun halt auch noch durch einen Fjord. Die Pferde streben auch dann noch eilig vorwärts, wenn ein Mensch aufgrund der unwegsamen Bodenbeschaffenheit einen Gang zurückschalten würde. Seltsamerweise habe ich überhaupt keine Sorge, dass etwas passieren könnte. Diese Tatsache schiebe ich allerdings voll und ganz Þórður in die Schuhe. Þórður ist ein Mann, der schon von weitem Geborgenheit ausstrahlt. Er ist der Fels in der Brandung, unter dessen Fittiche man kriechen möchte. Für jeden hält er ein gutes Wort, ein Lächeln oder ein vor Schalk aufblitzendes Auge bereit. Weniger freundliche Worte hat er allerdings für übermütig überholende Ersatzpferde übrig. Diese müssen dann eine donnernde Tirade über sich ergehen lassen, dessen Vokabular bei den Isländern unter uns nicht selten einen Lachanfall auslöst. Doch dieser Mensch würde nie etwas tun, das andere gefährden könnte. Ich lege mein Leben in seine Hand und vertraue auch dann noch auf ihn, als wir Tage später über seidendünne Pfade entlang einer Steilküste traben. Aber nun befinden wir uns erst einmal mitten im Kaldalón. Mein Film ist voll und während ich noch darüber nachdenke, ob und wie ich den gewechselt kriege, strauchelt meine kleine Stute und lässt damit mein Herz einen Schlag aussetzen. Das kalte Meerwasser schwappt mir bis an die Knie und in die Schuhe, und ich sehe mich schon ein Komplettbad nehmen, da steht sie auch schon wieder sicher auf den Beinen und kämpft sich zur nächsten Sandbank. Das arme Pferdchen zittert vor Schreck am ganzen Körper und macht einen leicht verwirrten Eindruck. So etwas scheint ihr nicht allzu häufig zu passieren. Doch nach wenigen Augenblicken ist sie bereits wieder völlig gelassen und stürzt sich begeistert in den letzten Abschnitt knietiefen Wassers. In einer hohen Wiese am Ufer sammeln wir die Pferde, zäunen sie mit einer Angelsehne ein und machen eine kurze Pause. Jetzt bloß schnell den Film wechseln, bevor noch etwas dazwischen kommt! „Do you want to mark this place?” reißt Þórðurs Stimme mich aus dem Kampf mit dem Zelluloid und erntet erst einmal dümmliche Blicke. Doch schnell reift das Begreifen und so verschwindet einer nach dem anderen hinter einem knietiefen Holzstoß, um seine Notdurft zu verrichten. Dann wird wieder aufgesessen. Die Spitze aus Þórður und Ólöf setzt sich in Bewegung und fordert die Herde mit Rufen auf, ihnen zu folgen. Ich bin mit ein paar anderen dazu abgestellt, zu warten und die freilaufenden Pferde in die richtige Richtung zu leiten. Mein ausgeruhtes Mädchen sieht die Sache allerdings völlig anders und setzt alles daran, loszulaufen. Als ich unerbittlich dagegen halte, steht der kleine Teufel mit einem Mal kerzengerade auf den Hinterbeinen. Glücklicherweise nützt ihr das überhaupt nichts und ich fühle mich, ehrlich gesagt, ein wenig heroisch. Auf jeden Fall hat dieser kleine Zwischenfall zur Folge, dass ich mir um meine Reitkünste ab jetzt keine Sorgen mehr mache. Es geht weiter in halsbrecherischem Trab oder für alle anderen im Tölt über unwegsames Gelände die Küste entlang. Diese Pferde sind ja so unglaublich trittsicher! An zwei, drei Stellen steigen wir dann aber doch ab, denn hier ist es so steil und felsig, das man selbst zu Fuß höllisch aufpassen muss, um nicht abzurutschen.
Gegen Mittag erreichen wir unser Ziel des Tages: Dalbaer. Die Pferde kommen auf einem Gehöft in der Nähe unter und wir werden in dem Gästehaus vor Ort untergebracht. Unsere rührigen Herbergseltern bewirten uns mit Plokkfisk, einem traditionellen Gericht aus Kartoffelbrei und gestampften Fisch. Sehr deliziös! Dazu gibt es süßes Schwarzbrot mit Butter. Ich futtere, bis ich mich kaum noch bewegen kann. Antje ergeht es ebenso und wir basteln in Gedanken an einer Nahrungsumstellung für zu Hause. Was unsere Familien wohl dazu sagen werden? Der Nachmittag zerstreut sich mit Besuchen im hiesigen Schulmuseum, Strandspaziergängen, Fliegenfischen für Gustaf und Sonnenbädern auf der Terrasse. Der zu Beginn des Tages noch scharfe eisige Wind hat sich inzwischen fast völlig gelegt, und so machen wir es uns in kurzen Hosen und T-Shirts bei einer Tasse Kaffee und Kuchen gemütlich. Þórður und Sveinn sind nach Hólmavík gefahren, um einen Pferdetransporter zu besorgen, in dem sie zwei abtrünnige „bloody horses“ aus unserer Herde nachholen wollen. Sie hatten sich gleich zu Beginn unserer Tour abgesetzt und nicht mehr in die richtige Richtung treiben lassen. Das bedeutet für Þórður eine Extrafahrt von etwa vierhundert Kilometern. Nach Hólmavík, den Transporter holen, zurück, Pferde einladen, nach Dalbaer bringen und den Transporter zurück nach Hólmavík bringen. Die beiden werden heute Abend nicht mehr zu uns verbleibendem Resttrupp stoßen. Allerdings schaffen sie es pünktlich, mit beladenem Hänger, zum Abendessen zurück zu sein und setzen sich zu uns, bevor sie wieder Richtung Hólmavík aufbrechen. Unser Wirt hat uns selbst geschossenes Rentier gebraten. Dazu gibt es Gerstengraupen mit „homegrown Rucola“, auf der Wiese vor dem Haus gepflückten Sauerampfer und karamellisierte Kartoffeln. Wie soll denn dabei, bitteschön, Heimweh aufkommen? Den Abend genießen wir vor dem Haus und beschließen einstimmig dass es „too beautiful to sleep“ ist. Gustaf überlegt, ob das vielleicht eine passende Überschrift für seinen geplanten Zeitungsartikel sein könnte, „Zu schön um zu Schlafen“, das klingt mehr als passend.
Der nächste Morgen begrüßt uns mit einem Frühstücksbuffet und noch mehr strahlendem Sonnenschein. Es ist allerdings noch ein wenig kühl, als ich mit einem Becher Tee vor die Tür trete. Und dann fährt Þórður mit seiner Frau Duna und Sveinn vor. Wir beladen den riesigen Geländewagen mit unserem Gepäck und machen uns auf zu den Pferden. Ab heute werden wir alles, was wir brauchen, auf den Pferden transportieren müssen, denn hier gibt es keine Fahrwege mehr. Nahezu unbewohnte Wildnis liegt vor uns. Die Wege, die wir bereiten, könnte höchstens der Begriff Trampelpfade bekleiden. Es sind uralte Pfade, auf denen die Bewohner früher Post und Waren transportiert haben. Seinerzeit wie heute ein recht abenteuerliches Unterfangen. Ich hätte vorher nie geglaubt, dass man über so unwegsames Terrain preschen könnte, unsere Pferdchen belehren mich allerdings eines Besseren. Es ist schwierig für mich, die passenden Worte für die Eindrücke, die auf mich einprasseln, zu finden. Die Landschaft ist so unglaublich schön und vielseitig. Übergrüne Wiesen liegen uns zu Hufen, Wasserfälle stürzen sich die steilen Hänge hinab und der Fjord liegt glatt und still in der gleißenden Mittagssonne da. Ich erlebe heute so viele Dinge zu Pferde, wie nie zuvor in meinem Leben, oder wer möchte zum Beispiel einen Galopp mit freilaufender Herde entlang eines kilometerlangen schwarzen Strandes als gewöhnlich bezeichnen? Es ist ganz einfach surreal. Nach einer Mittagsrast geht es einen Berg hinan. Zuerst auf dem Pferderücken, dann zu Fuß, was ziemlich anstrengend ist, vor allem, wenn man ein Pferd am Zügel hält, das es ein wenig eiliger hat als man selbst. Nicht nur einmal ist mein sonst so charmanter Garri versucht, mich über den Klippenrand zu entsorgen, um endlich angemessen schnell voranzukommen. Sei es ihm verziehen. Ich habe bei einer derart grandiosen Aussicht und den damit verbundenen Fotomotiven tatsächlich ein wenig getrödelt. Oben angekommen, sitzen wir wieder auf, staksen über Geröll und Schneefelder und genießen die Aussicht. Ólöf und Þórður erklären uns die umliegenden Berge und die dazupassenden Anekdoten. Keiner von uns merkt, wie die Zeit verfliegt und dass es tatsächlich schon Abend ist, als wir den Berg auf der anderen Seite wieder hinabklettern. Auch diesmal, wie beim Anstieg, zu Fuß. Mit leichtem Misstrauen beobachte ich eine Wolkenbank, die sich über das Meer heranschiebt. Bei Nebel an einem Berghang herumzukraxeln fände ich nicht besonders erbaulich. Glücklicherweise sind wir bereits am Fuße des Hanges angelangt, als die Wolken uns verschlucken. Im fliegenden Tölt geht es die verbleibenden Kilometer, bis zu unserer Nachtstatt in Grunnavik, über relativ ebenes Gelände. Ich bin ganz „happy“! Ich bin zum ersten Mal richtig getöltet! Es war wie fliegen, so als schwebte Garri über den Erdboden! „Das war Rennpass.“ klärt mich Antje auf. „Ach so... Na dann... Hat jedenfalls Spaß gemacht!“
Frederik, unser Gastgeber für diese Nacht, begrüßt uns alle wie alte Bekannte: mit einer herzhaften Umarmung. Wir fühlen uns sofort heimisch und zu Hause angekommen. Auf dem Küchentisch stehen bereits ein dampfender Pökelbraten, karamellisierte Kartoffeln, Rotkohl, Mais und gemischter Salat. Prompt esse ich mich wieder dumm und dösig. Zum Abschalten und Entspannen geht es dann in den mit Holzfeuer angeheizten Riesenbadezuber. Frederik hat angekündigt, dass er deutsche Touristen kochen will, und das meint er ernster, als man denkt. Das Wasser ist betäubend heiß. Sogar Þórður flüchtet alsbald aus dem Holztopf, mit der scherzhaften Begründung, er hätte die richtige Gartemperatur für Rentierfilet erreicht - 46 Grad C?!?
Der nächste Morgen zieht mit der hünenhaften Gestalt Þórðurs in der Zimmertür und Kaffeeduft herauf. „Breakfast! Coffee!“ Hoffentlich kann ich mich nach der Bergtour gestern überhaupt noch bewegen. Doch Frederiks Touristenkochtopf hat Wunder gewirkt. Nicht das kleinste Muskelkaterchen ist zu verspüren. Nach dem allmorgendlichen Haferbrei geht es ans Packen. Was anscheinend nicht ganz einfach ist, denn als ich auf die Veranda komme, liegt Sveinn bäuchlings auf einer Transportbox und versucht auf diese Weise, das Gepäck in die gewünschten Maße zu zwängen. Mit dieser Akrobatik gibt er Ólöf das Stichwort. „Stretchingtime!“ Oh-weh! Na gut. Doch Ólöf ist eine gleichsam gnadenlose wie brillante Gymnastiklehrerin. Wir begehen die zahllosen wohltuenden Dehnungsübungen unter herzlichen Lachsalven. Gipfeln tut das Ganze in „the tree“. Zu dumm, das ich nicht auf einem Bein stehen kann. „The morningsun“ erspart sie uns glücklicherweise. Die Sonne erweist sich aber auch ohne Gruß als erkenntlich und brennt vom Himmel. Wir sind wirklich Glückspilze! Gut warmgeturnt geht es auf die Pferde. Der Weg steigt sachte zwischen zwei Bergehängen an. Þórður und Ólöf erzählen uns Gruselgeschichten, bei denen ich froh bin, dass es zu dieser Jahreszeit nicht dunkel wird, und zeigen uns ein Gesicht in den Felsen. „Wo?“ „Oh!“ „Ah!“ „Ja da!“ Alles staunt, nur ich sehe nichts. Na toll! Ich hatte mich für phantasievoller gehalten, aber, nein, da ist nichts! Egal. Die Gegend ist auch so wunderschön. Bei zunehmender Bewölkung tölten wir über hügeliges grünes Gelände, hinunter an den Leirufjörður. „Oh nein! Schon wieder ein Fjord! Ich bin doch vorgestern erst beinahe baden gegangen!“ Doch noch während ich jammere, preschen die Pferde hinein. Ich habe fast den Eindruck, die Tierchen haben einen Riesenspaß daran. Und auch ich muss, als ich heil und trocken am anderen Ufer ankomme, zugeben, dass ich langsam Gefallen daran finde.
Ein frischer Wind pustet uns nach einer Mittagsrast zurück auf die Pferde. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, immer an den Fjorden entlang. Türkisblau schimmert das Wasser, Schwärme von Eiderenten fliegen auf, Wasserfälle rauschen die Berge hinab und die Pferde leisten Dinge, die mancher Mensch rein klettertechnisch kaum bewältigen kann. Die Eindrücke sind unglaublich und nicht wiederzugeben. An einem gerölligen Berghang steigen wir ab. Wie passend, ich muss sowieso gerade den Film wechseln. Auf halber Höhe zum Plateau tut sich vor uns ein übergrünes Tal auf. Gespeist von einem Wasserfall, schlängelt sich ein Flüsschen durch die hohe Wiese. So, wie es daliegt, eingerahmt von steilen grauen Felshängen, mutet es an wie eine Märchenkulisse. Wir verharren in stummem Staunen. Zauberhaft. Im Vergleich zu dieser Lieblichkeit trifft uns das kärgliche Graubraun des Plateaus fast wie ein Schlag. Doch die Sicht auf den Furufjörður, an dessen grünen Ufern wir unser Nachtlager aufschlagen werden, versöhnt unsere Gemüter. Wir kraxeln mit den Pferden an der Hand den Berg hinab. Zur Belohnung wartet an der Talsohle ein flotter Ritt über die Wiese und durch unzählige Flüsse auf uns. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, das Þórður eine Riesenfreude an Flussdurchquerungen hat. Warum sonst sollte er uns im Zickzack durch die sumpfige Ebene führen?
Pitschnass und überglücklich geben wir die Pferde frei und versuchen uns am Zeltaufbau. Das ist bei dem heraufziehenden Sturm gar nicht so einfach. Mit ein bisschen Phantasie, herbeigeschafftem Treibholz und anderen schweren Gegenständen, mit denen wir die Zeltplane beschweren, gelingt es uns jedoch, unsere Behausung zu errichten. Kritisch betrachtet steht unsere Zipfelmütze zwar ein wenig schief, aber sie steht. Völlig ausgehungert machen wir uns über den hausgemachten Kartoffelsalat und das Hangikjöt her. Guðrún lässt eine Flasche Cognac kreisen. Welch krönender Abschluss für einen grandiosen Tag! Das Zeitgefühl ist völlig dahin. Auf meine Frage, wie spät es wohl sein mag, antwortet Gustaf: „It can be any time.“ Er hat Recht. Es ist völlig egal, wie spät es ist, doch interessieren tut es mich schon. Ich spicke auf meinem Mobiltelefon und bin doch ein wenig überrascht. Es ist schon weit nach Mitternacht.
Der nächste Morgen begrüßt uns mit Sonne und leichtem Wind. Die Morgentoilette wird im Fluss verrichtet, und für alle, die danach noch immer nicht richtig wach sind, hält Þórður einen Kaffee bereit, auf dem ein Hufeisen schwimmen würde. Feinsämig und tiefbraun rinnt er aus der Espressokanne in unsere Näpfe. Der Haferbrei dampft und duftet süß. Ólöf wühlt frohlockend in ihrem Gepäck. „Ich habe doch...! Wo ist denn bloß...?“ Gustaf, der Ärmste, kaut dank seiner Glutenunverträglichkeit gedankenverloren auf einem Stück Trockenfisch herum. Guðrún und Antje nippen mit müden Augen am Kaffee. „Aha! Wusste ich es doch!“ strahlt Ólöf und wirbelt ein Tütchen in die Runde. „Ich habe Zimt! Zimt macht glücklich!“ Und sie hat Recht. Haferbrei mit Zimt ist ein Gedicht. Unser Tag ist gerettet! Dachte ich zumindest. Doch Þórður hält für uns eine Klettertour bereit, die sich gekämmt und gewaschen hat. Vielleicht bin ich heute aber auch einfach nur erschöpft. Häufig einmal mehr als die anderen verweile ich am Hang und genieße die großartige Aussicht. Der Anstieg ist ebenso wie der Abstieg atemberaubend. Es geht über loses Geröll und knartschende Schneefelder. Unfassbare Natur umgibt uns, jede Minute neu, jede Minute anders. Der Gletscher blinkt und glitzert in der Ferne und schickt zuweilen einen Eishauch zu uns hinab. Die Zeit verliert sich in der Unendlichkeit der Landschaft. Nichts hat hier mehr eine Bedeutung. Es wird nur noch gestaunt und genossen. Kühn tragen uns unsere Pferde den Hang hinab nach Reykjafjörður. Übermütig verfallen sie in eine schnellere Gangart, und dabei rutscht Guðrúns Pferd plötzlich auf einer glatten Steinplatte aus. Ich erschrecke fast zu Tode und sehe die beiden schon stürzen, doch der zähe Vierbeiner fängt sich irgendwie ab und töltet, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, weiter. Ich bin nahezu ohnmächtig vor Ehrfurcht. Mein Pony daheim hätte sich dabei mit Sicherheit drei Beine gebrochen! Dieses hier rennt einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Bin ich denn so ein „Softy“, oder sind das hier alles Raubeine? Oder beides? Wie dem auch sei. Der Schreck ist schnell vergessen bei dem Anblick, den Reykjafjörður für uns bereithält. Es ist ein traumhaftes Tal, gelegen an einem von hohen Bergen eingerahmten Fjord. Hier erblüht eine Wiese mit violettem Storchenschnabel, dort eine gelbe mit Hahnenfuß. Wie aus dem Nichts erhebt sich eine Wolke kreischender Küstenseeschwalben. Die Pferde finden ihre Abendruhe auf einer saftigen Wiese und Ragnar, unser Gastgeber, fährt mit einem Quad vor, um unser Gepäck in unsere Unterkunft zu bringen. Auch, wenn wir noch stehen und staunen möchten, es ist Eile geboten! Das Essen steht bereits dampfend auf dem Tisch. Erschöpft und glücklich lassen wir uns an Ragnars Küchentisch nieder. Seine Frau hat uns Fiskeböllar gebraten. Ich habe nie zuvor eine so feine Fischfrikadelle gegessen. Natürlich schlage ich wieder mal viel zu üppig zu. Und dann bekomme ich die Quittung für meine Gier. Es gibt Nachtisch! Wie auch immer ich das hinbekommen habe, ich vertilge noch zwei Teller höchst schmackhafte Kakaosuppe mit Zwiebackbröseln. So. Und wer rollt mich jetzt in das Schwimmbad? Keiner? Na gut. Dann kugele ich mich eben allein dorthin. Das ungewöhnlich heiße Wasser des hiesigen Schwimmbeckens ist nach diesem anstrengenden Tag die reinste Wohltat. Wenn es nicht gar so heiß gewesen wäre, hätten wir vielleicht die ganze Nacht darin verbracht, doch so trollen wir uns zu Mitternacht auf die Veranda unseres Hauses und stoßen mit einer Dose Bier auf diesen schönen Tag an. Ólöf hält ein Buch über Reykjafjörður in den Händen und gibt mit Hilfe von Guðrún die Geschichte von Ragnars Erstbesteigung eines Vogelfelsens zum Besten. Der heute Achtzigjährige hat in jungen Jahren in Gummistiefeln und ohne weitere Hilfsmittel eine als unbezwingbar geltende Steilwand erklettert. Die Leichtfertigkeit in seinen Worten lässt uns immer wieder vor Lachen schütteln. Es ist bereits späte Nacht, als wir uns ins Bett zwingen, doch das ist nur halb so schlimm. Am kommenden Morgen dürfen wir ein bisschen länger schlafen. Wir machen hier einen Tag Pause. Diese Tatsache wird einstimmig begrüßt, lädt dieser Fjord doch wirklich zum Verweilen ein.
Ein älterer Herr lächelt gütig auf uns hinab. Tief hat Wind und Wetter die Furchen seines Gesichts in den Stein gemeißelt. Dieser bizarre Felsen steht hier mitten auf der Wiese und begrüßt mit seinem freundlichen Gesicht jeden, der vorbeischaut. Vielleicht ist er deshalb so glücklich, weil seine Augen auf das schönste Tal der Welt blicken. Sein Gesichtsausdruck verströmt tiefen Frieden. Wir sind auf Lokalexkursion mit Ólöf und Þórður. Ólöf zeigt uns verschiedene heimische Pflanzen und erzählt uns spannende Geschichten dazu. Es gibt hier kaum ein Blümchen, das keine Sage abbekommen hat. Als wir durch ein Brutgebiet der Kriar, zu deutsch Küstenseeschwalbe, kommen und die Vöglein wie Pfeile auf uns herabschnellen, empfiehlt Ólöf, uns um den Größten in der Gruppe zu ducken, da die Schwalben immer den höchsten Punkt angreifen, und geht neben Þórður in die Hocke. Þórður allerdings lässt sich ohne eine Miene zu verziehen auf die Knie sinken und wirft sich Ólöf kurzerhand über die Schulter. Da hilft auch kein Zappeln. „Nun ist sie der höchste Punkt“, sagt er ruhig und setzt ungerührt seinen Spaziergang fort. Kurze Zeit später stehen wir vor einem dampfenden Teich. Dies ist die Stelle, die diesem Fjord seinen Namen gegeben hat. Reykjafjörður bedeutet soviel wie rauchender Fjord. Quietschend stehen Antje und ich vor der blubbernden Quelle und kriegen uns vor Begeisterung kaum noch ein. Das Wasser ist, im Gegensatz zu dem aus Quellen in anderen Gegenden, sogar trinkbar. Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir uns einen Teebeutel mitgebracht. Sveinn gibt mir Rentiermoos zu essen. Es ist ziemlich hart und trocken und nicht besonders wohlschmeckend, aber Sveinn meint, er isst es immer gern, wenn er wandern geht. Es täte ihm gut, oder zumindest würde es ihm nicht schaden. Ach danke, Sveinn. Sehr vertrauenerweckend. Ich räuspere mich und versuche, irgendwie dieses bröselige Zeug hinunterzuwürgen. Da schmeckt das Lammgras doch sehr viel besser! Oder der wilde Thymian. Ich spüle alles mit Quellwasser hinunter und lasse mich ins weiche Gras sinken. Der Gletscher thront hoch über uns, die Abendsonne taucht die Wiesen in ihr weiches Licht und wir genießen die Stille und Idylle am Teichufer, während die warmen Dunstschwaden uns umhüllen.
Herrlich ausgeruht schlage ich am nächsten Morgen die Augen auf. Nach einem ausgiebigen Frühstück beladen und satteln wir die Pferde. Es geht wieder weiter. Schweren Herzens eisen wir uns von Reykjafjörður los. Oder vielmehr eisen uns die Pferde los. Kaum sitzen wir nämlich im Sattel, rennen sie auch schon wie gestochen davon. Alles, was von uns bleibt, ist eine riesige Staubwolke. Wir durchqueren das Tal und nur wenige Minuten später durchplanschen wir einen Gletscherfluss. Dem Anstieg auf die Bergkette steht nun nichts mehr im Wege. Unsere mühsame Klettertour wird mit traumhaften Ausblicken belohnt. Oben angelangt, haben wir eine weite Sicht auf die umliegenden Berge und den Gletscher. Die Sonne malt mit Hilfe der Wolken bizarre Figuren auf das ewige Eis. Wir reiten über die Hochebene Fossadalsheiði. Sie ist unwirtlich, kahl und schwarz und steht im starken Kontrast zum Gletscher im Hintergrund. Als wir an die gegenüberliegende Abbruchkante kommen, bleibt mir endgültig die Luft weg. Das Tal Bjarnardalur, das sich vor uns auftut, ist unfassbar. Ein braunblauer Gletscherfluss schlängelt sich durch das helle Grün an der Talsohle. Das Land ist zur Hälfte durch eine niedrige Felsanhäufung vom blauen Wasser des Bjarnarfjörður abgeschirmt. Wir klettern mit staunenden Blicken hinab. So schön kann Kargheit sein! An den Felsen machen wir eine Rast und dösen in der sengenden Sonne. Die gleißenden Strahlen bringen die Wasseroberfläche zum Glitzern. Fanden wir Reykjafjörður nicht schon so überwältigend schön? Wie sollen wir denn diese Bucht titulieren? So langsam gehen mir die Steigerungen aus. Sie ist halt einfach noch schöner! „We eat and sleep for a little while“, dann geht es weiter. Immer an der Wand lang, oder vielmehr am Abgrund. Einmal wende ich tatsächlich den Blick ab und beschließe, später darüber nachzudenken, was ich hier gerade mache. Die goldene Abendsonne betont die grandiose Landschaft. Plötzlich brüllt Gustaf von hinten: „Hval!“, aber leider hat niemand außer ihm den Wal gesehen.
In der Ferne sind die wie ein Drachenschwanz geformten Felsen von Drangar zu erkennen. Nach einem abschließenden Tölt durch das Ufergras erreichen wir Husadalur, wo wir für diese Nacht unser Zelt aufschlagen wollen. Während wir abladen, blicke ich auf das Meer und entdecke weit draußen am Horizont etwas torpedoförmiges Helles aus den Wasser ragen. Während ich noch darüber nachdenke, ob es ein Schiff sein könnte, versinkt es sang- und klanglos in den Fluten. Ein Wal??? Þórður meint feixend, dass es schlecht wäre, wenn es ein Schiff war. Aber es war mit Sicherheit ein Wal! Ein ziemlich großer Wal! Ich lasse den Ozean nicht mehr aus den Augen und dann, mit Hilfe von Guðrúns Fernglas, sehe ich meine Entdeckung bestätigt. Ein riesiger heller Rücken schiebt sich durch die Wasseroberfläche. Dann sinkt er nieder und verschwindet mit hoch erhobener Fluke in den Fluten. Ich bin hin und weg! Doch Ólöf bläst zur täglichen Stretchingtime und holt mich somit in die Realität zurück. Derweil brodeln auf dem fauchenden Benzinkocher Fiskeböllar und Kartoffeln. Nach dem Essen machen wir einen Spaziergang zum nahegelegenen Gehöft. Hier scheint die Zeit vor ein paar Jahrzehnten stehen geblieben zu sein. „Wildromantisch“, spukt es mir durch den Kopf. Das Leben hier draußen muss hart, aber herrlich sein. Die Sonne ist bereits feuerrot im Atlantik versunken und die Dämmerung bricht herein. Wir statten der hiesigen warmen Quelle einen Besuch ab und stecken unsere müden Füße hinein. So schön kann das Leben sein! „Let’s go down to the beach and start a bonfire.”, schlägt Þórður vor. Begeistert springen alle auf und folgen ihm hinunter zum Strand. Wir sammeln Treibholz und die Männer bringen in kürzester Zeit ein hell loderndes Feuer in Gang. Die Nacht ist jung. Wer weiß, wie spät es ist, wahrscheinlich schon nach drei Uhr. Eigentlich sollten wir ins Bett gehen, der Gletscher wartet, aber das ist erst morgen. Morgen wird er uns verschlucken, der Drangajökull. Er und der dichte Nebel, der uns einhüllen wird. Wir werden gegen Wind und Treibregen, der „nearly snow“ ist, ankämpfen. Ich werde es zum ersten Mal auf dieser Tour schaffen, zu Pferd einen Film zu wechseln. Der Anfang des Trecks wird ein ums andere Mal sein eigenes Ende nicht mehr sehen können. Der Boden unter uns, die Luft vor, hinter und über uns wird zu einem einzigen Weiß verschmelzen. Wir werden frieren, wie wir es schon lange nicht mehr getan haben, und Gustaf wird mir „Welcome in Iceland!“ zubrüllen. Blau wird uns die Tiefe der dünnen Spalten im ewigen Eis entgegengähnen und wir werden wie Cowboys kreuz und quer über den Gletscher preschen, um die Herde zusammenzuhalten. Wir werden mit der Machtlosigkeit, die die früheren Handelsleute hier verspürt haben müssen, konfrontiert werden und lernen, dass die Natur unser uneingeschränkter Herrscher ist. Dunkle Schatten in der alles verschlingenden Nebelwand werden uns erahnen lassen, woher so manche Trollsaga rührt. Garri mit seinem unglaublichen Instinkt und Þórður mit dem GPS-Gerät werden uns sicher hinüberbringen. Sie werden uns steile Schneehänge hinabführen und durch reißende Flüsse jagen, bis wir heil auf Laugaland ankommen und uns gegenseitig in die Arme fallen. Aber das ist, wie gesagt, erst morgen. Noch lodert das Feuer, und die Wellen plätschern anheimelnd an den Strand. Zum Glück erahnen wir noch nicht, was für ein Abenteuer uns am kommenden Tag bevorsteht. Die Romantik hat uns fest im Griff, bis es am Horizont bereits wieder heller wird. Schweren Herzens kuscheln wir uns schließlich in unsere Schlafsäcke. Dabei ist es doch viel zu schön, um zu schlaaa...

Brigitte Kieckbusch

http://www.strandir.is/svadilfari/de
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